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Blütenzeiten und Bredouillen: Die queere Geschichte Berlins

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Frei und offen homosexuell leben – Berlin ist heute für viele Queere ein Sehnsuchtsort. Und war es tatsächlich schon vor 100 Jahren. Dazwischen liegen allerdings dunkle Abschnitte für die LGBTQIA+ Community, die mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten begannen. Aber trotz Unterdrückung und Verfolgung haben sich Homosexuelle immer wieder erhoben und für ein (straf)freies Leben und Sichtbarkeit gekämpft.

Wer gleichgeschlechtlich liebte, ist den 1920er Jahren gerne nach Berlin gekommen, um sich auszuleben. Hier waren die Zeitungsstände gefüllt mit Magazinen für Homosexuelle und das queere Nachtleben florierte. Es gab zahlreiche Lokale für und von Schwulen und Lesben und grosse Namen wie das “Eldorado” waren Touristenmagnete. Eine Berlinerin veröffentlichte den ersten lesbischen Roman “Der Skorpion” und gleichzeitig fand in Berlin die Uraufführung des ersten Schwulenfilms “Anders als die Anderen” statt. Kurz darauf folgte die Eröffnung eines Buchladens für Homosexuelle. Auch in der Bildung schritt die Entwicklung voran und im neu eröffneten Institut für Sexualwissenschaft organisierte man Aufklärungsabende und richtete ein sexualhistorisches Museum ein. Kein Wunder, dass die Homosexuellenbewegung in rasendem Tempo wuchs und die Ausrufe gegen Paragraf 175, der sexuelle Akte zwischen Männern verbot, lauter wurden. Bald führte eine erfolgreiche Petition gegen den Gesetzeintrag dazu, dass man sich für eine Reform entschied. Diesen Lichtblick zerstörte die neue konservative Regierung aber kurz darauf.

Nationalsozialisten verfolgen Schwule

Die konservativ-reaktionäre Wende anfangs der 1930er machte sich rasch spürbar in der queeren Szene und es drohten erste Lokalverbote. Als im Folgejahr schliesslich die Nationalsozialisten anfingen, die Macht zu übernehmen, begannen sie schnell mit der “sittlichnationalen Erneuerung”. Gegen die sogenannte “Öffentliche Unsittlichkeit” ging der neue Berliner Polizeichef strikt vor und schloss Homosexuellen-Lokale. Leider ging der Alptraum für Schwule und Lesben in Berlin und Deutschland gerade erst los. Im Jahr 1935 kriminalisierte die Regierung männliche Homosexualität radikal und verschärfte das Strafmass massiv. Das bedeutet, dass nicht mehr nur Sex zwischen Männern, sondern ebenso Zungenküsse und irgendwann allein eine “wollüstige Absicht” für Verurteilungen genügten. Und die Zahl dieser verdreifachte sich: Bis 1945 wurden in Deutschland 50’000 Männer schuldig gesprochen und zu Tausenden in Konzentrationslager deportiert. In Berlin begannen die KZ-Einlieferungen sogar schon 1934. Nur ein kleiner Teil der Verschleppten überlebte, mehr als 400 Berliner wurden dort ermordet. Aber auch ausserhalb der Konzentrationslager wurde das Leben für Schwule zur Hölle. Soziale Ächtung, der Verlust ihres Berufes und Vermögens sowie ihrer Freiheit und Freunde drohte unmittelbar. Es hagelte nur so an Verboten, gab Polizeiüberwachungen und Razzien und nur wenige, getarnte Lokale boten kurzzeitig Luft. So fing eine Zeit des Versteckens und Verstellens für Homosexuelle an.

Der verflixte Paragraf 175

Nach dem Zusammenbruch des Nazi-Regimes entstand eine schwierige Zeit für Homosexuelle, denn obwohl die KZs Geschichte waren, so behielt die Regierung den Paragrafen 175 bei. Die altbekannte Manier der Razzien, Prozesse und Rosa Listen (Polizeikarteien über Schwule) blieben genauso bestehen und mit ihnen die Angst bei Homosexuellen vor Bestrafung und totaler gesellschaftlicher Ächtung. Wenigstens entschärfte die DDR den Strafparagrafen früh und erlaubte Homosexualität unter Erwachsenen ab 1968 ganz. Die Bundesrepublik hingegen beliess den Paragrafen inklusive aller Verschärfungen der Nazis bis 1969 unverändert. Mit erschreckenden Folgen: Denn in dieser Zeit wurden 50’000 weitere Männer wegen gleichgeschlechtlicher Unzucht verurteilt. In Westberlin wurden in den 1960ern dann neue Stimmen laut und Studierende schlossen sich zu einer linksgerichteten gesellschaftskritischen politischen Bewegung zusammen. Sie kämpften unter anderem für die sexuelle Befreiung und die Enttabuisierung verschiedener sexueller Orientierungen. Ende des Jahrzehnts war endlich die erste Reform des Paragrafen 175 verabschiedet und damit auch im Westen die “einfache Homosexualität” entkriminalisiert. Aber bereits davor eröffneten schon wieder zahlreiche Lokale. Während Männer im “Trocadero” tanzen, trafen sich Frauen im als “Club de la femme” bekannten Club 10 und Tourist:innen strudelten für Travestie-Shows nur so in das “Chez Nous”.

Freiheitsfeier, Furcht vor Aids und Frauenliebe

Anfangs der 70er erschien Rosa von Praunheim’s Film “Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation in der er lebt” und davon inspiriert wurden viele Vereine gegründet und eine Schwulen- und Lesbenbewegung entstand. Mit dieser startete 1979 die erste Gay Pride Parade, der sogenannte Christopher Street Day (CSD), in Westberlin. Die Idee stammte aus New York, wo damals der 10. Jahrestag des historischen Aufstands im Stonewall Inn gefeiert wurde. Etwa 400 Teilnehmende demonstrierten unter den Mottos “Mach dein Schwulsein öffentlich” und “Lesben erhebt euch und die Welt erlebt euch”. In den 1980er dann bedrohte eine neue Gefahr die Gesellschaft: AIDS. Die vom HI-Virus ausgelöste Krankheit war zu diesem Zeitpunkt nicht medikamentös behandelbar und führte zu vielen Todesfällen. Die sexuell übertragbare Krankheit breitete sich insbesondere unter homosexuellen Männern schnell aus und führte zu einer gesellschaftlichen Ausgrenzung. Im öffentlichen Diskurs um AIDS-Erkrankungen, von denen Hetereosexuelle nicht lange verschont blieben, übernahmen Schwule in der BRD eine zentrale, engagierte und solidarische Rolle und wurden dadurch sichtbarer in der Öffentlichkeit. Frauenliebende Frauen hingegen waren weit weniger sichtbar, was sich zum Beispiel auch an dem CSD 1997, der 100 Jahre Schwulenbewegung feierte, bemerkbar machte. Im Folgejahr gingen Lesben deswegen in die vollen. Sie schufen ein, für die 300.000 Teilnehmenden unvergessliches Mösenmobil, das für mehr lesbische Sichtbarkeit durch die Berliner Strassen tuckelte.

Queeres Berlin heute ist bunt und divers

In den letzten 20 Jahren hat sich nochmal einiges getan hinsichtlich der Rechte für gleichgeschlechtlich Liebende. Ab 2001 gab es die eingetragene Partnerschaft und seit 2017 endlich die Ehe für alle. In diesem Jahrtausend etablierten sich die Regenbogen-Farben als queeres Symbol und zieren bis heute rund ums Jahr, aber vor allem im Pride Month Juni, Geschäfte, Lokale und Balkone. Das Wort “Queer” hat sich durchgesetzt als Sammelbegriff aller von der hetereosexuellen Norm abweichenden sexuellen Orientierungen und Identitäten. Die Community bezeichnet sich als “LGBTQIA+” und versucht möglichst viel Diversität in den Buchstaben abzubilden: L für lesbisch, G für gay (Englisch für schwul), B für bi, T für trans, Q für queer, I für intersexuell und A für asexuell. In dem + sind beispielsweise non-binäre Menschen, die sich keinem Geschlecht zuordnen, miteinbezogen. Um diese Vielfalt zu feiern, gibt es in der ganzen Stadt verschiedene Feste, zum Beispiel das lesbisch-schwule Stadtfest, die Pride Marzahn und natürlich den berüchtigten CSD. Dieser findet 2022 unter dem Motto “United in Love! Gegen Hass, Krieg und Diskriminierung” statt und hat im letzten Jahr vor Corona eine Million Teilnehmende verzeichnet. Auch an Lokalen gibt es eine breite Auswahl, von legendären Clubs wie dem SchwuZ und dem Berghain (früher Ostgut) über beliebte Frauentreffpunkte wie dem Himmelreich oder Bars mit Drag-Shows wie dem Tipsy Bear. Diskriminierung ist leider weiterhin ein Thema, aber mit steigender Toleranz und unterstützenden Instanzen wie der Schwulenberatung Berlin bekämpft die Gesellschaft die Ungleichheiten gemeinsam.

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