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Wald und Vögel – Gastbeitrag von waldwissen2go

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Wald und Vögel – zwei Begrifflichkeiten, die jedem schnell in den Sinn kommen, wenn man an unsere Natur denkt. Dies ist kein Zufall, denn seit jeher hat der Mensch eine besondere Beziehung zu diesen beiden Ökosystembestandteilen. Bei einem Spaziergang durch den Wald senkt sich unser Blutdruck und unsere Herzfrequenz. Wir bauen Stress ab und stärken gleichzeitig unser Immunsystem durch die frische Luft und den darin enthaltenen Terpenen. Wenn wir uns im Wald aufhalten, geht es uns direkt besser. Gleichzeitig ist der Wald auch Lebensraum für unzählige Tiere. Eine Tierklasse fällt uns dabei besonders auf. Durch ständige Gegenwart, bunte Farben, beeindruckende Flugmanöver und wunderschönen Gesängen schaffen es die Vögel unsere Aufmerksamkeit und unser Interesse auf sich zu ziehen. Ein Wald ohne Vogelgesang wäre nur halb so schön und würde ein ganz anderes Waldbild in unseren Köpfen projizieren.

Die Entwicklung des Waldes  

Wald und Vögel gehören also zusammen, so viel ist schonmal klar. Aber Wald ist nicht gleich Wald und jede Vogelart hat ihre eigenen Ansprüche an diesen. Um das zu verdeutlichen kann es hilfreich sein, einen kurzen Abriss über die Geschichte der Waldentwicklung in Deutschland wiederzugeben. Ursprünglich war das Gebiet des heutigen Mitteleuropas fast vollständig bewaldet, lediglich Moore, Seemarschen und Hochgebirgslagen ab etwa 2500 Meter Höhe sind von Natur aus waldfrei. Blickt man bis auf die letzte Eiszeit vor ungefähr 12000 Jahren zurück, dann begann nach dieser Epoche die Entwicklung des natürlichen Waldes. Zuallererst eroberten die sogenannten Pionierbaumarten Kiefer und Birke die freien Flächen, später wurden diese aufgrund der fortan steigenden Temperaturen durch Eichenwälder, in die auch Ahorne und Ulmen eingemischt waren, verdrängt. Durch Zunahme von Niederschlägen und abnehmenden Sommerdurchschnittstemperaturen auf 16 Grad konnten sich letztendlich die Buchenwälder flächendeckend in Mitteleuropa durchsetzen. Grund für die Durchsetzungsfähigkeit der Buche bei günstigen Bedingungen ist ihre Schattentoleranz gepaart mit ihrem geschlossenen Blätterdach, wodurch anderen Baumarten effizient das Licht genommen wird. In den letzten zwei Jahrtausenden wurde das Ökosystem Wald durch menschliche Nutzung entscheidend beeinflusst. Durch Rodung für Siedlung und Kultur sank der Anteil der deutschen Waldfläche bis zur heutigen Zeit auf rund ein Drittel. Aber nicht nur die Flächenanteile veränderten sich, sondern auch die Vegetationsstruktur.

Um in Deutschland von Nadelbäumen umgeben zu sein, muss niemand bis Weihnachten warten.

In den letzten circa 200 Jahren änderte sich das Laubbaum-Nadelbaum-Verhältnis grundlegend. Lag es damals noch bei 2:1 so war es 140 Jahre später in den 60er Jahren bei 1:2, also 33 % Laubholz und 66 % Nadelholz. Heute haben wir einen etwas geringeren Nadelholzanteil von rund 54 % (Stand 2012, BWI 3). Doch warum gibt es heute so viele Nadelbäume in Deutschland, wenn wir doch „Buchenland“ sind? Der Grund dafür ist die damalige Holznot infolge der Abholzungen, die in weiten Teilen Deutschlands stattfanden, sowie die Reparationshiebe in der Nachkriegszeit. Nachgepflanzt wurde, je nach Standort, meistens Fichte oder Kiefer. Denn die Vorteile für diese Baumarten lagen klar auf der Hand: große Mengen an schnell produziertem und leicht bearbeitbarem Holz. Der Nachhaltigkeitsgedanke, der dahinterstand und 1713 erstmals von Hans Carl von Carlowitz formuliert wurde, war revolutionär. Doch über die ökologischen Auswirkungen war sich seiner Zeit noch niemand im Klaren, auch nicht darüber, dass eine veränderte Vegetationsstruktur mit einer Veränderung in der Waldvogelwelt einhergeht.

Forstwirtschaft und Vogelschutz

Der Mensch veränderte also den Wald durch seine Nutzung und seine Bewirtschaftung. Das bedeutet, dass unser heutiges Waldbild infolgedessen sich von dem unterscheidet, das da wäre, wenn der Mensch nicht die Abläufe im Wald bestimmt hätte. Ähnlich sieht es mit unserer Vogelwelt im Wald aus. Man kann annehmen, dass es heutzutage mehr Nadelbaum bevorzugende Arten in Deutschland gibt als zum Beispiel im 19. Jahrhundert. Dadurch aber, dass der Mensch auf Holz angewiesen ist und es aus ökologischen und ethischen Gründen nicht einfach aus weit entfernten Ländern importieren sollte, ist eine regionale Waldbewirtschaftung unverzichtbar. Das bedeutet aber auch, dass die Forstwirtschaft eine hohe Verantwortung für unsere Waldvögel trägt, denn jede Änderung in der Waldstruktur bedeutet gleichzeitig auch ein Einschnitt in die Vogelwelt. Da Revierförster:innen weit vorausplanen und denken müssen, ist diese Aufgabe nicht immer einfach zu bewältigen. Generell sollte man auch nicht damit beginnen, Veränderungen im Wald undifferenziert zu betrachten. Denn nicht jeder forstliche Eingriff ist automatisch schlecht und nicht jeder natürlich ablaufende Prozess automatisch gut für unsere Vögel. Es kommt immer auf die Vogelart an, die man fördern will, und deren Bedürfnisse.

Die Arbeit der Forstwirtschaft ist weitaus komplexer, als sie auf den ersten Blick scheinen mag.

Ein und derselbe Eingriff kann zwei unterschiedliche Seiten für die gleiche Vogelart haben. Ein Kahlschlag beispielsweise verringert eindeutig das Angebot an Nistplätzen, kann aber dafür das Angebot und die Erreichbarkeit von Ameisen für Arten wie Grünspecht oder Wendehals verbessern. Eine Bewirtschaftungsmaßnahme, die die Stufigkeit im Wald verbessert und zu einem dichten Kronendach führt, verringert das Nahrungsangebot durch den Lichtmangel, hält dafür aber Deckungsmöglichkeiten und Nistplätze bereit. Jede Maßnahme muss also differenziert betrachtet werden. Allseits günstig kann es sein, wenn sogenannte Nestschutzzonen eingerichtet werden. In diesen findet dann während der Paarungszeit im Umkreis zwischen 50 – 100 Meter keine Holzernte, Rückung oder Jagd statt und auch der Besucher:innenverkehr wird umgeleitet. In regelmäßig besetzten Brutgebieten erfolgt die Holzernte nur einzelstammweise, dazu bleiben alle Nestbäume erhalten. Des Weiteren können auch einzelne alte Bäume nach Erreichen der Umtriebszeit stehen gelassen werden, damit die Möglichkeit entsteht, gewisse Altersmerkmale auszubilden, zum Beispiel Schürfrinnen, Risse, Zwieselabbrüche und Astlöcher. Oder damit der Baum verpilzen kann, um für den Höhlenbau von Spechten ein günstiges Holzsubstrat bereitzustellen. Mit solchen Maßnahmen kann die Forstwirtschaft ihren Beitrag für den Vogelschutz leisten. Im Gegenzug dazu regulieren Vögel temporär und lokal die Schädlingsdichte. Denn alle forstlichen Großschädlinge wie beispielsweise Forleule oder Nonne gehören zum Nahrungsrepertoire der insektenfressenden Singvögel. Ebenso gibt es Vogelarten wie den Eichelhäher, die aktiv naturnahen Waldbau betreiben, indem sie durch die sogenannte Hähersaat, Eicheln und Bucheckern in neue Gebiete bringen. Im norddeutschen Tiefland konnten sich dadurch schon ganze Kieferbestände in Eichen-Kiefernwälder umwandeln. Das Pendant dazu im Süden Deutschlands ist der Tannenhäher, der die schweren Früchte der Zirbelkiefer weiterverbreitet und ihr damit hilft, sich zu verjüngen. Anhand dieser Beispiele wird klar in welcher engen Wechselbeziehung Forstwirtschaft und Vögel zueinanderstehen.

Unsere Verantwortung für Waldvogelarten

Forstwirtschaft und Vögel stehen also im Zusammenhang, ihr Bindeglied ist der Wald. Bereits bekannt ist das Wald nicht gleich Wald ist und jede Vogelart ihre eigenen Ansprüche an diesen hat. Explizite Beispiele wären das Wintergoldhähnchen mit einer eindeutigen Präferenz für Nadelwald, Kohlmeise und Kleiber, die sich im Laubwald am wohlsten fühlen, Fitis und Heckenbraunelle, die sich auch gerne auf lichten Sturmflächen aufhalten oder die Ubiquisten wie Rotkehlchen und Buchfink die nicht an bestimmte Merkmale in ihrem Lebensraum gebunden sind. Jeder Waldtyp hat also zum Teil unterschiedliche Bewohner und somit müssen auch zum Teil unterschiedliche Maßnahmen für diese durchgeführt werden. Betrachtet man Deutschland allgemein aus globaler Sicht, dann wird aufgrund unserer Restbestände an alten, naturbelassenen Tiefland- und Mittelgebirgsbuchenwälder klar, dass wir eine besondere Verantwortung für die Brutvogelfauna in Buchenwäldern tragen. Allerdings ist es häufig so, dass in den Artenschutzprogrammen oftmals Arten vorkommen, die in Deutschland selten sind, da sie hier am Rande ihres Verbreitungsgebietes leben aber in anderen Ländern noch recht häufig vorkommen, zum Beispiel der Schwarzstorch, der Wiedehopf und das Birkhuhn. Während andere, unscheinbarere Arten weniger Beachtung finden aufgrund dessen, dass sie in Deutschland noch oft auftauchen, obwohl sie global nicht mehr so häufig zu finden sind. Ein populäres Beispiel ist der Rotmilan, er brütet an Waldrändern und in lichten Altholzbeständen, 60 % der gesamten Weltpopulation lebt im Gebiet von Deutschland. Auch das Sommergoldhähnchen, die Sumpfmeise, die Ringeltaube, der Girlitz, die Misteldrossel und der Mittelspecht sind Vogelarten, wo der deutsche Anteil der Weltpopulation zwischen 20 – 30 % liegt. Ein großer Teil der Verantwortung für diese Arten liegt also in unseren Händen.

Der Rotmilan ist gut an seiner ikonischen Federschwanzspitze erkennbar: Wer Glück hat, erspäht eines seiner akrobatischen Flugmanöver.

Der Wald und seine gefiederten Bewohner

Doch welche Vogelarten können wir beim anfangs erwähnten Waldspaziergang überhaupt entdecken und welche machen es uns besonders schwer? Im Nachfolgenden werden ein paar Vögel kurz vorgestellt. Einer von ihnen ist der Waldlaubsänger, ein kleiner grün-gelber Vogel, der von Ästen im Kronenbereich seinen schwirrenden Gesang vorträgt. Man kann ihn in Laub- und Mischwäldern mit reichlich Unterholz finden. Eine vielfältige Waldstruktur ist wichtig für ihn, da er sich zwar eigentlich im Kronenbereich aufhält, aber versteckt am Boden brütet. Ähnlich sehen dem Waldlaubsänger die Zwillingsarten Fitis und Zilpzalp, zwei grün-gräuliche Vögel, die äußerlich schwer zu unterscheiden sind, dafür aber gut anhand ihrer Gesänge. Während der Zilpzalp seinen Namen ruft, zwitschert der Fitis eine Melodie, die der des Buchfinken ähnelt. Beide Arten kommen in allen Waldarten vor, solange sich eine Kraut- und Strauchschicht in diesen befindet, da auch sie am Boden oder in Bodennähe brüten. Ebenfalls ein Bodenbrüter ist die Waldschnepfe, sie ist die einzige Watvogelart, die nicht an Flachwasser- oder Uferbereiche gebunden ist. Waldschnepfen kommen häufig in lichten Auwäldern mit krautiger und strauchiger Bodenvegetation vor. Sie ist aufgrund ihrer heimlichen Lebensweise schwer zu entdecken, nur während der Paarungszeit können die balzenden Hähne abends über den Baumkronen beobachtet werden. Leichter wahrnehmen als die Waldschnepfe können wir die Spechte, die gerade im Frühjahr durch Hämmern und Trommeln auf sich aufmerksam machen. Alle Spechtarten sind Baumhöhlenbrüter und leisten durch die Herstellung von Baumhöhlen einen wichtigen Beitrag für alle Höhlen bewohnenden Tiere. Man kann zwischen Erdspechten und Baumspechten unterscheiden. Zu den sogenannten Erdspechten gehören der Grau- und der Grünspecht, die auch zu den Zwillingsarten zählen. Der Name rührt von ihrer an Ameisen und Ameisenpuppen angepassten Ernährungsweise und der Tatsache her, dass sie diese am Boden suchen.

Der Grauspecht links und der Grünspecht rechts sehen sich für das ungeübte Auge zum Verwechseln ähnlich.

Man findet beide Arten vor allem in Wäldern mit offenen Arealen wie Wiesen oder Bestandeslücken und an Waldrandzonen. Der Grünspecht hat sich stärker als Erdspecht spezialisiert als der Grauspecht, dies zeigt sich unter anderem an der kräftigeren Beinmuskulatur und den kürzeren Schwanzfedern, mit denen er besser am Boden hüpfen kann. Der Grauspecht hingegen ernährt sich auch öfter von Insekten, die er an Baumrinden findet. Schwarzspecht, Buntspecht, Mittelspecht, Kleinspecht, Weißrückenspecht und Dreizehenspecht sind die Arten, die man zu den klassischen Baumspechten zählt. Sie ernähren sich durch das Aufspießen von Insekten aus Gängen und Ritzen im Holz, die sie durch das Abschlagen von Rinde und Aufschlagen von krankem oder totem Holz finden. Durch diese Methode können sie Nahrung erschließen, die anderen Vögeln verborgen bleibt. Generell leben Spechte gerne in Wäldern mit älteren Bäumen, da sie hier in den Altbaumkronen viele Insekten finden und im älteren, morschen Holz die Möglichkeit zum Höhlenbau haben. Einer der die Baumhöhlen der Spechte gerne als Nachmieter nutzt, ist der Waldkauz. Der Waldkauz ist eine der häufigsten Eulenarten in Deutschland. Das Weibchen sucht die Höhle aus und erhält nach der Eiablage das Futter vom männlichen Tier. Waldkäuze verpaaren sich für ihr gesamtes Leben, wenn keiner der Partner verunglückt. Im Herbst kann man die Rufe des Waldkauzes in der ersten Balzphase vernehmen. Von Januar bis März erreichen die Balzrufe dann ihren Höhepunkt und man kann beinahe jeden Abend ihre Laute hören.

Das „Uhuuu“ der Balzlaute vom Waldkauz kennen die meisten – aber wer hat schon ein Exemplar in der Natur zu Gesicht bekommen?

Ebenfalls Höhlenbrüter, als einzige Taubenart, ist die Hohltaube. Sie bevorzugt alte Buchenwälder und brütet wie der Waldkauz in alten Schwarzspechthöhlen. Während der Brut produziert die Hohltaube wie alle Tauben Kropfmilch, um die Küken davon anfangs zu ernähren. In kleineren Höhlen, die zum Beispiel auch aus Astausbrüchen entstehen brüten oftmals auch die bekannten Blau- und Kohlmeisen. Weniger bekannt sind Zwerg- und Trauerschnäpper, die ebenfalls in kleinen Höhlen brüten und oftmals durch ihre Anwesenheit ein guter Indikator für alte, strukturreiche Wälder mit viel Totholz sind. Sie reagieren sensibel auf Eingriffe im Wald. Der Trauerschnäpper ist ein kleiner kontrastreicher Vogel mit schwarz-weißem Gefieder. Der Zwergschnäpper ähnelt dem Rotkehlchen hat aber einen orangefarbenen Kehlfleck, der nicht bis zur Brust reicht und einen grauen statt einem braunen Kopf. Als letztes wird der Pirol vorgestellt, der auch als einer der letzten aus seinem Winterresort zurückkommt. Er hat ein wunderschönes, leuchtend gelbes Gefieder, ist allerdings trotz der auffälligen Färbung schwer zu entdecken, da er sich in den Baumkronen aufhält. Er verrät seine Anwesenheit aber durch seinen exotisch flötenden Gesang. Man findet den Pirol in lichten, sonnigen Laubwäldern, vor allem in den Auwäldern der neuen Bundesländer. Die Liste der Waldvogelarten ist lang und man könnte noch viele weitere Arten vorstellen. Dennoch verdeutlichen die oben dargestellten Vögel gut die Unterscheide, die es zwischen den verschiedenen Arten und deren Ansprüche an den Wald gibt.

Vögel sind faszinierend und können uns in ihren Bann ziehen. Sie umgeben uns jeden Tag, auch wenn wir sie häufig nicht bewusst wahrnehmen. Vogelgesang ist für uns ein selbstverständliches Hintergrundgeräusch, dass gerade oftmals im Wald aufgrund der Ruhe hervortritt. Doch gerade die Vögel sind es, die uns als Lebensraumindikatoren den Zustand des Waldes verraten können. Daher lohnt es sich häufig auch genauer hinzuhören, wenn wir wieder einen gefiederten Freund bei unserem nächsten Waldspaziergang singen hören.

Dieser informative und interessante Gastbeitrag stammt aus der Feder des Instagram-Waldexperten waldwissen2go. Auf seinem Kanal spricht er über Themen rund um den Wald und dessen Bewohner.

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